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Rettungsdienst-Mitarbeiter berichten aus dem Alltag

Aggressionspotenzial hat zugenommen

Gestellte Szene: Rettungssanitäter Christoph Pfisterer (links) und Notfallsanitäter Michael Eilzer versorgen einen Patienten im Rettungswagen.

Freitagnacht in Pforzheim. Blaulicht zuckt durch die Dunkelheit. Michael Eilzer steuert mit dem Rettungswagen den von der Integrierten Leitstelle übermittelten Einsatzort in der Nordstadt an. "Ey, kannst du nicht wo anders parken?" Dröhnt es hinter ihm, als er aussteigt. Der Notfallsanitäter des DRK-Kreisverbandes Pforzheim-Enzkreis sieht sich um. "Das hier ist mein Parkplatz", brüllt ein wütender Mann aus einem Auto hinter dem Einsatzfahrzeug. "Entschuldigung, das geht jetzt leider nicht, wir müssen zu einem medizinischen Notfall", ruft ihm Eilzer zu, während er sich seinen Rucksack und das EKG schnappt und zusammen mit seinem Kollegen Richtung Hauseingang läuft. Von den folgenden Schimpfwörtern bekommen die beiden kaum noch etwas mit. Der Herzinfarkt-Patient im dritten Obergeschoss hat Priorität.

Eilzer ist in seiner 18-jährigen hauptamtlichen Tätigkeit im Rettungsdienst schon mehrfach Zeuge von Aggressionen gegen Einsatzkräfte geworden. "Die Vorfälle waren immer im Zusammenhang mit Alkohol", erinnert er sich. Es gebe jedoch auch Fälle, in denen es um Aggressionen aufgrund einer Erkrankung geht. "Hier möchte ich einfach darauf hinweisen das wir dafür da sind", betont der Notfallsanitäter. Er ärgere sich vor allem über eine allgemeine Respektlosigkeit. Diese reiche von der aufgerissenen Wagentür, um ein Foto vom Patienten zu schießen, einen unters Auto geworfenen Silvesterböller oder verbale Attacken, wenn es um blockierte Parkplätze beziehungsweise Wege geht.

Positiv an seiner Arbeit ist für Eilzer das Gefühl, "dass ich weiß, dass mir die meisten Menschen denen ich im Laufe meines Berufslebens begegnet bin, mir so begegnen, dass mir ein Lächeln über die Lippen kommt - ohne, dass ich mir dafür Mühe geben muss." Menschen die sich selber in einer ausweglosen, hilflosen Situation befinden, helfen zu können, empfinde er als "einfach stark". Und unterwegs sein zu können, draußen arbeiten ohne immer nur Wind und Wetter ausgesetzt zu sein habe seinen Reiz. "Und ja - auch mit Pauken und Trompeten durch den Verkehr zu zirkeln, ist ein in Erfüllung gegangener Kindheitstraum", gesteht er. "In den Augen Anderer zu lesen 'Puhh das könnte ich nicht machen!', ist eine Bestätigung. Auch wenn es unglaubliche viele Berufe gibt, von denen ich mindestens das gleiche sagen würde."

 

Im vergangenen Jahr gab es in Pforzheim und dem Enzkreis 30.332 Rettungswagen-Einsätze. 8.754-mal kam ein Notarzteinsatzfahrzeug hinzu. "Leider müssen wir feststellen, dass Rettungskräfte immer häufiger mit aggressiven Menschen am Einsatzort konfrontiert werden", sagt DRK-Rettungsdienstleiter Herbert Mann. Es sei verständlich, wenn sich Angehörige aus Sorge um ihr Familienmitglied aufregen. "Aber Beleidigungen oder gar Handgreiflichkeiten rechtfertigt das dadurch nicht", betont Mann.

Dennoch berichten ihm seine Mitarbeiter immer wieder von besonderen Vorkommnissen. Diese würden von Beschimpfungen bis hin zur Bedrohung mit Waffen reichen oder dass Umstehende die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindert hätten. Zu letzterem zählt auch die Rettungsgasse, die bei Staubildung bei den Verkehrsteilnehmern häufig in Vergessenheit gerate. ""Ich wurde von einem Patienten mal angebrüllt, weil er von mir Medikamente verlangte - er zahle ja schließlich auch Krankenkassenbeiträge", erzählte eine angehende Notfallsanitäterin. Einer ihrer Kollegen wurde am helllichten Tag in einer Postfiliale geschlagen und bespuckt.

Um brenzligen Situationen zu entkommen, beziehungsweise diese gar nicht erst entstehen zu lassen, gehören Deeskalationstrainings mittlerweile zum festen Bestandteil der Fortbildungen, die den Rettungsdienst-Mitarbeitern angeboten werden. Besprochen wird dabei auch, dass der Selbstschutz der Einsatzkräfte an erster Stelle steht. "Notfalls ziehen sich die Mitarbeiter zurück und verständigen die Polizei", sagt Mann. Nicht an jedem gehen die Pöbeleien spurlos vorbei. Der Rettungsdienstleiter musste schon manch einen wertvollen Mitarbeiter gehen lassen, weil sich dieser entschlossen hatte, lieber in den früher ausgeübten Beruf zurück zu wechseln. In Zeiten des Personalmangels bedeute dies eine große Herausforderung für die Rettungsdienste. "Es überwiegt jedoch meist das Gefühl der Befriedigung, den Menschen helfen zu können oder ihnen geholfen zu haben", berichtet Mann.

Das bestätigte sich auch bei einer internen Umfrage in den hiesigen DRK-Rettungswachen: "Trotz des früher besseren Verdienstes bin ich wieder in meinen alten Rettungsdienst-Job gewechselt. Und ich habe es keinen Tag bereut. Man macht hier was Sinnvolles mit diesem Dienst am Menschen", berichtet ein Rettungsassistent. Vor allem ältere Herrschaften würden es einem von Herzen danken, wenn man sich um sie kümmere. "Ein fester Händedruck und ein freundliches Lächeln sagen einem da schon viel aus." Ein Kollege ergänzt: "Auch wenn man viel von anderen hört oder in den Medien liest: Ich stehe morgens auf und freue mich jeden Tag aufs Neue auf meine Arbeit."

Text+Foto: D. Kneis

12. Februar 2018 09:47 Uhr. Alter: 302 Tage

 

 

 


 

 

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